Ich mache ehrenamtlich queere Arbeit. Gut, das ist jetzt nicht wirklich was neues für euch.
Und ich sage das bewusst nicht, um Applaus zu bekommen.
Ganz ehrlich: Wenn man sich im queeren Ehrenamt engagiert, bekommt man meistens ohnehin keine Standing Ovations. Man bekommt E-Mails. WhatsApp-Nachrichten. Sitzungen. Noch mehr E-Mails. Und irgendwann eine Nachricht mit dem Inhalt:
„Hast du am Donnerstagabend spontan Zeit?“
Nein.
Ich habe am Donnerstag um 19 Uhr keine Zeit.
Ich habe nämlich ein Leben.
Also theoretisch.
Denn genau das ist mein Problem mit dem Ehrenamt.
Ich will etwas bewegen. Wirklich. Ich habe Ideen. Ich habe Meinungen. Ich sehe Dinge, bei denen ich denke: Warum machen wir das eigentlich so? Und manchmal würde ich am liebsten einfach sagen: Komm, scheiß drauf. Wir machen das jetzt einfach.
Und dann schaue ich in meinen Kalender.
Und denke: Wann?
Das ist vielleicht das Gemeinste am Ehrenamt.
Es nimmt selten acht Stunden am Tag in Anspruch. Das wäre ja wenigstens planbar.
Nein.
Es frisst diese kleinen Lücken.
Die Stunde nach der Arbeit.
Den freien Abend.
Den Sonntag, an dem man eigentlich mal nichts machen wollte.
Die zehn Minuten, in denen man nur kurz aufs Handy schaut und plötzlich drei Nachrichten beantworten muss, weil aus einer kleinen Frage eine halbe Diskussion geworden ist.
Es ist dieses permanente:
„Ich mache nur noch kurz …“
Und plötzlich ist es 23 Uhr.
Und man fragt sich, warum man schon wieder müde ist.
Ich arbeite viel. Ich habe Verantwortung. Ich möchte Freunde sehen. Zeit mit dem Freund verbringen. Ich habe Dinge, die ich für mich tun möchte.
Und dann gibt es noch dieses Ehrenamt.
Nicht, weil jemand mich zwingt.
Sondern weil ich es wichtig finde.
Und das ist manchmal fast noch schlimmer.
Wenn ich zu wenig mache, denke ich, dass ich mehr machen müsste.
Wenn ich viel mache, denke ich, dass ich in anderen Bereichen gerade zu wenig mache.
Wenn ich Nein sage, habe ich ein schlechtes Gewissen.
Wenn ich Ja sage, frage ich mich später, warum ich eigentlich schon wieder Ja gesagt habe.
Ein klassischer Lose-Lose-Sieg für mein Gehirn.
Denn irgendwo ist immer etwas wichtig.
Politisch passiert etwas.
Menschen brauchen Unterstützung.
Eine Veranstaltung muss organisiert werden.
Ein Projekt hängt.
Eine Idee müsste weiterentwickelt werden.
Und natürlich könnte man sich auch einfach zurücklehnen und sagen:
„Macht ihr mal.“
Aber genau das kann ich irgendwie nicht.
Ich bin nämlich leider ein Mensch, der Dinge sieht und dann sofort denkt:
„Das könnte man doch besser machen.“
Was eine tolle Eigenschaft ist.
Wenn man nicht ständig davon genervt wäre.
Manchmal sitze ich in einer Sitzung und denke:
„Wir reden jetzt seit einer Stunde über etwas, das wir eigentlich schon vor drei Monaten besprochen haben.“
Und dann frage ich mich, ob ich gerade zu ungeduldig bin.
Oder ob manche Dinge tatsächlich einfach verdammt langsam sind.
Wahrscheinlich beides.
Ich möchte, dass etwas passiert.
Ich möchte, dass Ideen umgesetzt werden.
Ich möchte Ergebnisse sehen.
Nicht irgendwann.
Jetzt wäre schön.
Das Problem ist nur: Ehrenamt besteht aus Menschen.
Menschen mit Jobs.
Menschen mit Familie.
Menschen mit Problemen.
Menschen mit unterschiedlichen Meinungen.
Menschen, die auch einfach mal keinen Bock haben.
Und dann soll aus dieser wunderbaren Mischung aus begrenzter Zeit, verschiedenen Persönlichkeiten und sehr vielen Meinungen bitte möglichst schnell eine perfekte Lösung entstehen.
Ja.
Viel Erfolg damit.
Das ist wahrscheinlich die ehrlichste Frage in diesem Text.
Ich mache etwas.
Ich investiere Zeit.
Ich denke über Themen nach.
Ich diskutiere.
Ich plane.
Ich versuche, Dinge voranzubringen.
Und manchmal habe ich trotzdem das Gefühl, auf der Stelle zu treten.
Als würde ich auf einem Laufband stehen.
Ich bewege mich.
Ich schwitze wahrscheinlich sogar ein bisschen.
Aber der Raum um mich herum sieht exakt gleich aus.
Und vielleicht ist das das Frustrierendste.
Nicht, dass nichts passiert.
Sondern dass man manchmal nicht merkt, dass etwas passiert.
Ich will nicht einfach beschäftigt sein.
Ich will etwas bewegen.
Ich möchte irgendwann zurückschauen und sagen können:
Da habe ich nicht nur meine Zeit totgeschlagen. Da habe ich wirklich etwas hinterlassen.
Und wahrscheinlich ist genau das ein verdammt hoher Anspruch.
Denn Veränderung ist selten dieses große, dramatische Ereignis.
Meistens ist sie langweilig.
Ein Gespräch.
Ein Beschluss.
Eine Veranstaltung.
Eine Person, die sich plötzlich nicht mehr allein fühlt.
Ein Gedanke, der bei jemandem hängen bleibt.
Eine Gruppe, die sich zum ersten Mal trifft und dann vielleicht in einem Jahr immer noch existiert.
Das sind keine Dinge, für die am nächsten Morgen eine Statue von einem aufgestellt wird.
Und trotzdem können sie etwas verändern.
Das ist vielleicht mein persönlicher Knackpunkt.
Ich möchte nicht einfach nur ein bisschen helfen.
Ich möchte, dass Dinge besser werden.
Und zwar möglichst viele Dinge.
Am besten gleichzeitig.
Kleiner Spoiler:
Das funktioniert nicht.
Ich kann nicht überall sein.
Ich kann nicht jedes Projekt retten.
Ich kann nicht jeden Termin wahrnehmen.
Ich kann nicht jede politische Entwicklung kommentieren.
Und ich kann nicht jeden Abend noch drei Stunden Ehrenamt machen, nur weil mir die Sache wichtig ist.
Und vielleicht muss ich das auch gar nicht.
Vielleicht ist „Nein“ nicht automatisch Desinteresse.
Vielleicht bedeutet „Ich habe gerade keine Zeit“ nicht:
„Das ist mir egal.“
Vielleicht bedeutet es einfach:
„Ich möchte morgen auch noch ein Mensch sein.“
Ich glaube, wir romantisieren Ehrenamt manchmal viel zu sehr.
Dieses:
„Wir machen das aus Überzeugung.“
Ja.
Aber Überzeugung bezahlt keine Miete.
Überzeugung ersetzt keinen Schlaf.
Und Überzeugung sorgt leider auch nicht automatisch dafür, dass man plötzlich mehr Zeit hat.
Ich kann eine Sache wichtig finden und trotzdem erschöpft sein.
Ich kann mich engagieren und trotzdem keinen Termin mehr in meinen Kalender bekommen.
Ich kann queere Sichtbarkeit für unglaublich wichtig halten und trotzdem am Dienstagabend lieber auf dem Sofa liegen.
Und ganz ehrlich?
Das macht mich nicht weniger engagiert.
Vielleicht nur langsamer, als ich möchte.
Vielleicht ist das das eigentliche Problem.
Ich habe immer das Gefühl, dass etwas schneller gehen müsste.
Dass ich mehr schaffen müsste.
Dass aus einer Idee schon längst ein Projekt geworden sein müsste.
Dass ein Projekt schon längst Ergebnisse liefern müsste.
Und wenn das nicht passiert, denke ich schnell:
„Ich komme nicht weiter.“
Aber vielleicht stimmt das gar nicht.
Vielleicht bedeutet Weiterkommen manchmal einfach, dass man noch da ist.
Dass man nach einem anstrengenden Monat nicht sagt:
„Scheiß drauf. Sollen es doch andere machen.“
Sondern irgendwann wieder auftaucht.
Vielleicht bei der nächsten Sitzung.
Vielleicht bei der nächsten Veranstaltung.
Vielleicht einfach mit einer neuen Idee.
Nicht perfekt.
Nicht jeden Tag.
Nicht mit 110 Prozent.
Aber noch da.
Und vielleicht ist genau das der Punkt.
Ich muss nicht alles schaffen. Ich muss nicht alles bewegen. Aber ich möchte etwas bewegen.
Und dafür reicht es vielleicht, dass ich weitermache.
Nur eben nicht heute um 19 Uhr.
Da habe ich nämlich keine Zeit.
