Über Selbstzweifel, Selbstfindung und die verdammt unbequeme Erkenntnis, dass man sich vielleicht niemals endgültig findet.
Manchmal sitze ich da und denke:
Eigentlich weiß ich doch inzwischen, wer ich bin.
Ich weiß, was ich will.
Ich weiß, was ich nicht mehr will.
Ich weiß, welche Menschen mir guttun.
Ich weiß, welche Menschen ich nicht mehr in meinem Leben brauche.
Ich habe Entscheidungen getroffen. Dinge verändert. Mich getraut.
Und dann gibt es diese anderen Tage.
Diese Tage, an denen plötzlich alles wieder wackelt.
An denen ich mich frage:
War das alles richtig?
Bin ich wirklich auf dem richtigen Weg?
Was, wenn ich mich gerade komplett verrenne?
Und vor allem:
Was, wenn ich mich selbst eigentlich immer noch nicht gefunden habe?
Ich glaube, ich habe lange gedacht, dass Selbstfindung irgendwann abgeschlossen ist.
So ein bisschen wie eine Prüfung.
Man probiert sich aus, macht Fehler, lernt sich kennen, trifft Entscheidungen – und irgendwann kommt dieser große Moment:
„So. Jetzt weiß ich, wer ich bin.“
Herzlichen Glückwunsch.
Endgegner besiegt.
Selbstfindung abgeschlossen.
Nur irgendwie funktioniert das nicht.
Zumindest bei mir nicht.
Denn kaum habe ich das Gefühl, irgendwo angekommen zu sein, verändert sich wieder etwas.
Ich verändere mich.
Meine Wünsche verändern sich.
Meine Beziehungen verändern sich.
Meine Prioritäten verändern sich.
Meine Vorstellungen davon, wie mein Leben aussehen soll, verändern sich.
Und plötzlich stehe ich wieder da und denke:
„Okay. Und wer bin ich jetzt?“
Vielleicht ist genau das der Punkt.
Vielleicht findet man sich nicht einmal und bleibt dann für immer dort.
Vielleicht ist das Leben eher ein ständiges Kennenlernen der eigenen Person.
Die sind besonders gut darin, genau dann aufzutauchen, wenn man sie überhaupt nicht gebrauchen kann.
Du kannst monatelang denken:
Ich mache das jetzt.
Und dann reicht manchmal ein einziger beschissener Abend.
Ein Gedanke.
Ein Vergleich.
Ein Blick auf das Leben anderer.
Eine Entscheidung, die plötzlich nicht mehr so sicher wirkt.
Und schon sitzt du da und fragst dich, ob du eigentlich völlig den Verstand verloren hast.
Vielleicht bin ich zu spät.
Vielleicht bin ich zu alt.
Vielleicht hätte ich bestimmte Dinge längst erreicht haben müssen.
Vielleicht hätten andere Menschen an meiner Stelle längst einen Plan.
Und vielleicht bin nur ich derjenige, der immer noch versucht herauszufinden, wo verdammt noch mal sein Platz ist.
Das Gemeine daran?
Diese Gedanken fühlen sich in diesem Moment unglaublich wahr an.
Obwohl sie es nicht unbedingt sind.
Wir reden unglaublich gerne über Neuanfänge.
Über Mut.
Über Selbstverwirklichung.
Über den Moment, in dem man endlich sein Leben selbst in die Hand nimmt.
Was wir weniger erzählen:
Dass es verdammt anstrengend sein kann, sein eigenes Leben neu zu sortieren.
Denn wenn du anfängst, Dinge infrage zu stellen, kannst du nicht einfach bestimmen, was danach kommt.
Du öffnest Türen.
Und hinter manchen Türen stehen Antworten.
Hinter anderen stehen zehn neue Fragen.
Manchmal sogar Fragen, von denen du vorher gar nicht wusstest, dass du sie hast.
Und genau da entsteht dieses Chaos.
Du weißt, dass du etwas verändern möchtest.
Aber du weißt noch nicht genau, was.
Du weißt, dass du nicht mehr zurückwillst.
Aber du weißt auch noch nicht, wohin.
Und irgendwo dazwischen sitzt man selbst.
Mit seinen Hoffnungen.
Mit seinen Ängsten.
Und mit diesem kleinen Gedanken im Hinterkopf:
„Was, wenn ich die falsche Entscheidung treffe?“
Das ist wahrscheinlich einer meiner größten Kämpfe.
Diese Vorstellung, dass ich inzwischen doch eigentlich wissen müsste, wo ich hingehöre.
Mit 20 darf man sich ausprobieren.
Mit 25 darf man noch suchen.
Mit 30 darf man vielleicht langsam anfangen, einen Plan zu haben.
Aber irgendwann kommt dieser unsichtbare gesellschaftliche Punkt, an dem man gefälligst angekommen sein soll.
Karriere.
Beziehung.
Wohnort.
Freundeskreis.
Lebensplanung.
Und wenn man dann immer noch Fragen hat, fühlt es sich schnell an wie persönliches Versagen.
Dabei ist es vielleicht genau das Gegenteil.
Vielleicht bedeutet es nicht, dass ich nichts auf die Reihe bekomme.
Vielleicht bedeutet es, dass ich mich nicht damit zufriedengebe, einfach irgendein Leben zu leben, nur weil es von außen vernünftig aussieht.
Und ja.
Das darf man auch mal zugeben.
Ich habe Angst davor.
Nicht ständig.
Aber manchmal ziemlich heftig.
Denn jede Entscheidung bedeutet auch, etwas anderes nicht zu tun.
Wenn ich eine Tür öffne, bleibt eine andere vielleicht geschlossen.
Und was, wenn hinter der geschlossenen Tür eigentlich das Leben gewesen wäre, das ich hätte führen sollen?
Diese Frage kann einen komplett verrückt machen.
Aber vielleicht gibt es diese perfekte Entscheidung gar nicht.
Vielleicht gibt es nicht den einen Weg, den man irgendwann entdeckt.
Vielleicht gibt es nur Entscheidungen.
Und danach die Möglichkeit, mit diesen Entscheidungen weiterzugehen.
Vielleicht kann man falsch abbiegen.
Vielleicht kann man umkehren.
Vielleicht kann man einen völlig neuen Weg nehmen.
Vielleicht ist das Leben keine Zugverbindung, bei der man am richtigen Bahnhof aussteigen muss.
Vielleicht darf man auch einfach mal irgendwo aussteigen und schauen, was passiert.
Die mich daran erinnern, dass ich vielleicht gar nicht so verloren bin, wie ich manchmal denke.
Ein Gespräch, das hängen bleibt.
Ein Mensch, bei dem ich merke: Hier kann ich wirklich ich sein.
Ein Projekt, bei dem ich plötzlich wieder dieses Kribbeln spüre.
Ein Moment, in dem ich mich selbst dabei erwische, wie ich denke:
„Verdammt. Genau das bin ich.“
Vielleicht sind es genau diese Momente, auf die ich mehr hören sollte.
Nicht auf die Angst.
Nicht auf den Vergleich.
Nicht auf die imaginäre Uhr, die mir erzählt, was ich mit 39 längst erreicht haben müsste.
Sondern auf dieses kleine Gefühl, das manchmal ganz leise sagt:
Das hier fühlt sich richtig an.
Vielleicht ist das die Erkenntnis, die ich gerade langsam lernen muss.
Ich muss mich nicht finden.
Ich muss mich nicht definieren.
Ich muss nicht irgendwann eine endgültige Version von mir präsentieren und sagen:
„So. Das bin jetzt ich. Fertig.“
Ich darf mich verändern.
Ich darf meine Meinung ändern.
Ich darf feststellen, dass etwas nicht zu mir passt.
Ich darf mich ausprobieren.
Ich darf Angst haben.
Ich darf zweifeln.
Ich darf sogar manchmal komplett planlos sein.
Und vielleicht bedeutet Selbstzweifel nicht automatisch, dass ich auf dem falschen Weg bin.
Vielleicht bedeutet er manchmal einfach, dass mir etwas wichtig ist.
Und ehrlich gesagt?
Vielleicht werde ich das auch niemals.
Vielleicht werde ich mich noch zehnmal neu kennenlernen.
Vielleicht werde ich Entscheidungen treffen, die sich später als falsch herausstellen.
Vielleicht werde ich Dinge bereuen.
Vielleicht werde ich irgendwann zurückblicken und denken:
„Was zur Hölle habe ich mir dabei gedacht?“
Aber vielleicht werde ich genauso oft zurückblicken und denken:
„Gut, dass ich mich damals getraut habe.“
Und vielleicht reicht das.
Nicht zu wissen, wo man in fünf Jahren steht.
Nicht zu wissen, ob wirklich alles richtig ist.
Nicht immer einen Plan zu haben.
Aber trotzdem weiterzugehen.
Mit den Zweifeln.
Mit den Fragen.
Mit diesem manchmal ziemlich chaotischen Kopf.
Und mit der verdammt wichtigen Erkenntnis:
Ich muss nicht schon angekommen sein, um auf dem richtigen Weg zu sein.
Vielleicht bin ich nicht verloren.
Vielleicht bin ich einfach noch unterwegs.
Und vielleicht ist genau das gerade völlig okay.

Du hast das Leben schön beschrieben. Man hat immer Ängste, Zweifel. Mal sind sie ganz laut, und dann wieder leiser. Tage an denen die Hoffnungen die wünsche sehr präsent sind, so dass du einfach nur glücklich bist. Und dann wieder Tage, wo man Angst hat, das genau die Sachen nie kommen werden. Jeder lebt sein Leben, in seinem eigenen Tempo. Ich sehe das Leben wie eine Reise. Manchmal verläuft man sich, und dann findet man wieder einen Weg der einem richtig erscheint.🫂