Ride the Rainbow together

Ich bin nicht schwierig. Ich denke nur leider über alles nach.

Ungefiltertes Gedankenchaos

„Alles gut.“

Zwei Wörter.

ZWEI.

Für einen normalen Menschen vermutlich eine ziemlich eindeutige Information.

Alles. Ist. Gut.

Mein Gehirn:

Interessant.

Warum schreibt er „Alles gut.“?

Mit Punkt.

Sonst benutzt er doch manchmal Emojis.

Gestern hat er noch „Alles gut 😊“ geschrieben.

Warum heute kein Emoji?

Ist wirklich alles gut?

Oder ist dieses „Alles gut“ eigentlich ein „Es ist überhaupt nichts gut, aber wenn du mich wirklich kennen würdest, wüsstest du das“?

Soll ich nachfragen?

Nein.

Dann wirke ich anstrengend.

Aber wenn ich nicht nachfrage und eigentlich etwas ist?

Vielleicht erwartet er, dass ich nachfrage.

Moment.

War meine letzte Nachricht vielleicht komisch?

Herzlichen Glückwunsch.

Aus „Alles gut.“ wurden innerhalb von ungefähr 90 Sekunden sieben Probleme.

Sechs davon existieren nicht.

Beim siebten bin ich mir noch nicht sicher.

Also denke ich lieber noch ein bisschen darüber nach.

Willkommen in meinem Kopf. Getränke stehen hinten.

Ich denke viel.

Und damit meine ich nicht dieses romantische:

„Ich bin ein tiefgründiger Mensch und reflektiere mein Leben.“

Nein.

Natürlich mache ich das auch.

Aber mein Gehirn kann aus einer vollkommen belanglosen Situation eine mehrteilige Netflix-Dokumentation produzieren.

Mit Rückblenden.

Alternativen Handlungssträngen.

Charakteranalyse.

Und natürlich einem dramatischen Finale, das mit der tatsächlichen Realität ungefähr so viel zu tun hat wie ich mit Gelassenheit.

Dabei beginnt alles meistens ganz harmlos.

Jemand antwortet anders als sonst.

Ein Gespräch fühlt sich komisch an.

Ich habe etwas gesagt und frage mich später, ob das vielleicht falsch angekommen ist.

Oder es passiert überhaupt nichts.

Besonders gefährlich.

Denn wenn keine Informationen vorhanden sind, kann mein Gehirn die Lücken selbst füllen.

Und mein Gehirn ist dabei leider kein besonders optimistischer Drehbuchautor.

Ich nenne es gerne Selbstreflexion

Das klingt nämlich deutlich besser als:

„Ich habe dieselbe Situation jetzt zwölfmal durchgespielt.“

Selbstreflexion ist schließlich etwas Gutes.

Und grundsätzlich stimmt das auch.

Ich finde es wichtig, sich selbst zu hinterfragen.

War ich fair?

Habe ich jemanden verletzt?

Hätte ich anders reagieren können?

Warum hat mich etwas so getroffen?

Was brauche ich eigentlich?

Das sind gute Fragen.

Das Problem beginnt dort, wo aus einer Frage irgendwann eine Untersuchungskommission wird.

Denn irgendwann reflektiere ich nicht mehr.

Ich kreise.

Immer wieder um denselben Gedanken.

Nur jedes Mal mit der Hoffnung, dass beim 38. Durchgang plötzlich irgendwo die eine Antwort auftaucht, die mir absolute Sicherheit gibt.

Spoiler:

Tut sie nicht.

Vielleicht versuche ich gar nicht, etwas zu verstehen

Vielleicht versuche ich manchmal einfach, Kontrolle herzustellen.

Das ist ein unangenehmer Gedanke.

Denn Nachdenken fühlt sich produktiv an.

Wenn ich über ein Problem nachdenke, tue ich schließlich etwas.

Ich analysiere.

Ich bereite mich vor.

Ich versuche herauszufinden, was passieren könnte.

Wenn ich alle Möglichkeiten vorher durchdenke, kann mich vielleicht nichts überraschen.

Genial.

Außer natürlich, dass Menschen sich nicht an meine im Kopf vorbereiteten Szenarien halten.

Unverschämt.

Und das Leben übrigens auch nicht.

Ich kann 25 mögliche Verläufe durchspielen.

Am Ende passiert Nummer 26.

Danke für die Mitarbeit.

Vielleicht ist das auch ein bisschen queer

Nicht das Overthinking an sich.

Das haben wir nun wirklich nicht exklusiv gepachtet.

Aber ich frage mich manchmal, ob manche queere Menschen ziemlich früh lernen, Räume und Menschen genau zu beobachten.

Wie ist die Stimmung hier?

Kann ich erzählen, dass ich einen Mann date?

Kann ich meinen Partner hier selbstverständlich erwähnen?

Kann ich mich so bewegen, reden und verhalten, wie ich möchte?

Oder sollte ich erst einmal schauen?

Wie reagieren die anderen?

Bin ich sicher?

Natürlich erlebt das nicht jeder queere Mensch so.

Aber ich kenne dieses Beobachten.

Dieses Wahrnehmen von kleinen Signalen.

Und vielleicht ist es gar nicht so überraschend, wenn man irgendwann ziemlich gut darin wird, zwischen den Zeilen zu lesen.

Das Problem?

Manchmal stehen zwischen den Zeilen überhaupt keine Wörter.

Und dann lese ich sie trotzdem.

Beziehungen sind natürlich das perfekte Trainingslager

Wenn dir ein Mensch egal ist, kannst du erstaunlich entspannt sein.

Antwortet er später?

Okay.

Ist er heute ruhiger?

Auch okay.

Dann kommt plötzlich jemand, der dir wirklich wichtig ist.

Und dein Nervensystem sagt:

Ah! Wunderbar! Endlich etwas, das wir verlieren könnten!

Los geht’s.

Warum ist er heute stiller?

Ist etwas?

Habe ich etwas gemacht?

Hat sich etwas verändert?

War ich zu viel?

War ich zu wenig?

Braucht er Abstand?

Soll ich ihm Raum geben?

Oder ist Raum geben jetzt genau falsch?

Vielleicht sollte ich einfach fragen.

Aber wenn ich frage, nerve ich vielleicht.

Also warte ich.

Während ich warte, denke ich.

Während ich denke, interpretiere ich.

Und irgendwann habe ich innerlich bereits eine komplette Beziehungskrise durchlebt.

Der andere sitzt währenddessen vermutlich auf dem Sofa und schaut YouTube.

Romantik. ❤️

Und dann kommt mein Lieblingsgegner: Erwartungen

Denn ich möchte Dinge gut machen.

Wenn mir Menschen wichtig sind, möchte ich für sie da sein.

Wenn ich etwas anfange, möchte ich es vernünftig machen.

Wenn ich Verantwortung übernehme, möchte ich ihr gerecht werden.

Eigentlich schöne Eigenschaften.

Bis mein Kopf daraus macht:

Du darfst niemanden enttäuschen.

Oh.

Das stand so nicht im Vertrag.

Und trotzdem passiert es schnell.

Bin ich ein guter Partner?

Ein guter Freund?

Mache ich beruflich genug?

Engagiere ich mich genug?

Ist mein Podcast gut genug?

Müsste der Blog besser laufen?

Müsste ich mehr posten?

Weniger posten?

Mehr Sport?

Mehr Freizeit?

Mehr schlafen?

Mehr erleben?

Weniger darüber nachdenken, ob ich genug erlebe?

An diesem Punkt möchte ich meinem Gehirn manchmal freundlich mitteilen:

HALT DIE FRESSE.

Mit Liebe natürlich.

Das Gemeine ist: Man findet immer etwas

Wenn du lange genug nach einem Problem suchst, findest du eins.

Garantiert.

Ein Blick.

Eine Formulierung.

Eine Zahl.

Eine Reaktion.

Irgendetwas ist immer nicht perfekt.

Und plötzlich wird aus:

„Eigentlich geht es mir gerade ziemlich gut.“

ein:

„Ja, ABER …“

Dieses Aber ist gefährlich.

Denn es kann einem verdammt viele schöne Momente kaputtmachen.

Nicht weil tatsächlich etwas Schlimmes passiert.

Sondern weil man während des schönen Moments schon darüber nachdenkt, was irgendwann schiefgehen könnte.

Das ist eigentlich absurd.

Ich bekomme etwas Schönes.

Und statt es zu genießen, versuche ich vorsorglich herauszufinden, wie sehr es wehtun könnte, wenn ich es irgendwann verliere.

Ganz großes Kino.

Vielleicht muss ich nicht jedes Problem lösen, bevor es existiert

Das klingt so offensichtlich.

Ist es für mich aber manchmal nicht.

Denn irgendwo in mir sitzt offenbar die Vorstellung:

Wenn ich nur gut genug vorbereitet bin, kann ich verhindern, dass etwas schiefgeht.

Kann ich nicht.

Menschen können mich enttäuschen.

Projekte können scheitern.

Pläne können sich ändern.

Ich kann Fehler machen.

Andere Menschen können Fehler machen.

Manchmal wird jemand schlechte Laune haben und es hat nichts mit mir zu tun.

Dieser Satz verdient eigentlich einen eigenen Absatz.

Also:

Manchmal hat die Stimmung eines anderen Menschen nichts mit mir zu tun.

Revolutionär.

Ich weiß.

Jemand kann müde sein.

Gestresst.

Hungrig.

Mit der Arbeit beschäftigt.

Kopfschmerzen haben.

Einfach einen beschissenen Tag haben.

Und ich?

Ich muss darin keine versteckte Botschaft über meinen Wert als Mensch finden.

Das wäre eigentlich ganz praktisch.

Gedanken sind keine Fakten

Vielleicht ist das der Satz, den ich häufiger brauche.

Nur weil mein Kopf sagt:

„Da stimmt etwas nicht.“

bedeutet das nicht automatisch, dass etwas nicht stimmt.

Nur weil ich Angst habe, jemanden zu enttäuschen, habe ich ihn nicht enttäuscht.

Nur weil ich mich gerade unsicher fühle, ist meine Beziehung nicht unsicher.

Nur weil ich glaube, dass jemand etwas über mich denken könnte, denkt dieser Mensch das nicht automatisch.

Und nur weil mein Gehirn eine Katastrophe sehr detailliert beschreiben kann, wird sie dadurch nicht wahrscheinlicher.

Mein Gehirn ist kreativ.

Das ist schön.

Aber vielleicht sollte es nicht immer Drehbuchautor meines Lebens sein.

Ich möchte trotzdem nicht aufhören, viel zu denken

Das gehört nämlich auch zu mir.

Ich mag, dass ich Dinge hinterfrage.

Ich mag, dass mir Menschen nicht egal sind.

Ich mag, dass ich mich selbst reflektiere.

Ich mag, dass ich verstehen möchte.

Ich möchte daraus keinen Charakterfehler machen.

Vielleicht muss ich also gar nicht lernen, weniger zu denken.

Vielleicht muss ich nur lernen, nicht jedem Gedanken hinterherzulaufen.

Manche Gedanken darf man anschauen und sagen:

„Interessante Theorie.“

Und dann weitergehen.

Ohne Analyse.

Ohne Kontrollanruf.

Ohne 17 Screenshots an den besten Freund mit der Frage:

„Wie würdest DU das interpretieren?“

Und vielleicht ist genau das mein eigentliches Ziel

Nicht:

„Ich werde nie wieder overthinken.“

Völlig unrealistisch.

Mein Gehirn würde vermutlich bereits darüber overthinken, ob ich erfolgreich aufgehört habe zu overthinken.

Sondern vielleicht:

Ich merke früher, wenn es passiert.

Ich frage nach, statt zu interpretieren.

Ich akzeptiere, dass ich nicht alles wissen kann.

Ich lasse Menschen selbst sagen, was sie fühlen.

Und vor allem:

Ich glaube ihnen vielleicht auch mal.

Wenn jemand sagt, dass alles okay ist, muss ich nicht heimlich eine zweite Bedeutung suchen.

Wenn jemand sagt, dass er mich mag, darf ich mich darüber freuen.

Wenn gerade etwas schön ist, muss ich nicht vorsorglich Angst davor haben, dass es irgendwann nicht mehr schön sein könnte.

Vielleicht darf ich einfach da sein.

In diesem Moment.

Ohne ihn sofort zu analysieren.

 

Also:

„Alles gut.“

Vielleicht bedeutet es wirklich genau das.

Alles gut.

Kein versteckter Subtext.

Keine geheime Botschaft.

Keine bevorstehende Katastrophe.

Einfach:

Alles gut.

…

Obwohl.

Der Punkt am Ende ist schon ein bisschen komisch.

Ich frag lieber nochmal nach.

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