Ride the Rainbow together

Dating: Vielleicht ist nicht die Auswahl das Problem. Vielleicht sind wir es.

Deep Dive zu Folge 5 von „Ungefiltert Queer – Zwischen Pride & Chaos“

Dating ist eigentlich ziemlich einfach.

Zwei Menschen finden sich interessant.
Sie lernen sich kennen.
Sie schauen, ob es passt.

Ende.

HAHAHAHA.

Entschuldigung.

Ich wollte nur kurz ausprobieren, wie es sich anfühlt, vollkommen realitätsfern über Dating zu schreiben.

Denn Dating im Jahr 2026 – und insbesondere queeres Dating – fühlt sich manchmal weniger nach romantischem Kennenlernen und mehr nach einer Mischung aus Casting, Marktanalyse und psychologischem Belastungstest an.

Wir swipen.

Wir schreiben.

Wir schicken Bilder.

Wir löschen Chats.

Wir installieren Apps.

Wir löschen Apps.

Wir installieren dieselben Apps drei Tage später wieder.

Und irgendwo dazwischen hoffen wir trotzdem darauf, jemanden zu finden, bei dem wir irgendwann sagen:

„Dich. Genau dich.“

Nur: Was passiert, wenn hinter dem nächsten Swipe theoretisch noch jemand Besseres warten könnte?

Wir haben unglaublich viel Auswahl

Und eigentlich müsste das fantastisch sein.

Gerade als queerer Mensch.

Früher war die Frage vielleicht:

Wo finde ich überhaupt andere queere Menschen?

Heute nehme ich mein Handy und habe theoretisch innerhalb von Sekunden Zugriff auf Männer in meiner Umgebung.

Entfernung: 742 Meter.

Praktisch.

Romantisch.

Effizient.

Fast wie Lieferando, nur mit emotionalem Folgeschaden.

Natürlich ist es großartig, dass wir diese Möglichkeiten haben. Apps können Menschen zusammenbringen, die sich sonst niemals begegnet wären.

Aber vielleicht passiert gleichzeitig etwas anderes.

Menschen werden vergleichbar.

Da ist nicht mehr einfach dieser eine Mann, den ich interessant finde.

Da ist dieser Mann – und darunter warten noch 37 weitere Profile.

Einer ist größer.

Einer trainierter.

Einer wohnt näher.

Einer hat einen besseren Bart.

Einer schreibt lustiger.

Einer hat dieses eine Foto, bei dem mein Gehirn kurz sämtliche höheren Funktionen einstellt.

Und plötzlich konkurriert der Mensch, den ich gerade kennenlerne, mit Menschen, die ich noch nicht einmal kenne.

Schlimmer noch:

Er konkurriert mit meiner Vorstellung davon, wer noch kommen könnte.

Vielleicht suchen wir manchmal gar keinen Menschen

Vielleicht suchen wir eine Kombination.

Attraktiv.

Humorvoll.

Emotional verfügbar.

Sexuell kompatibel.

Eigenständig, aber bitte nicht zu eigenständig.

Interessiert, aber nicht anhänglich.

Spontan, aber zuverlässig.

Selbstbewusst, aber bloß nicht arrogant.

Und selbstverständlich soll er wissen, was er will.

Außer er will etwas anderes als ich.

Dann wäre ein bisschen Flexibilität schon schön.

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr klingt Dating wie eine Stellenausschreibung, bei der selbst die Personalabteilung irgendwann sagen würde:

„Vielleicht sollten wir unsere Anforderungen noch einmal überdenken.“

Präferenzen sind vollkommen okay.

Natürlich müssen wir nicht jeden Menschen attraktiv finden.

Aber ich frage mich manchmal, wann aus:

„Ich weiß ungefähr, was mir gefällt“

eigentlich

„Ich habe eine Spezifikation erstellt“

geworden ist.

Queeres Dating hat seine ganz eigene Würze

Denn unsere Community ist gleichzeitig riesig und erschreckend klein.

Du lernst jemanden kennen.

Dann stellst du fest, dass er jemanden kennt, den du kennst.

Der wiederum hatte mal etwas mit jemandem, mit dem du auch mal etwas hattest.

Und zwei Wochen später begegnet ihr euch alle auf irgendeiner Veranstaltung.

Familientreffen. ❤️

Natürlich übertreibe ich.

Ein bisschen.

Aber queeres Dating findet häufig innerhalb relativ kleiner sozialer Räume statt.

Dating, Freundschaft, Sex, Community und Social Media vermischen sich.

Der Typ von der App taucht plötzlich beim CSD auf.

Das ehemalige Date ist inzwischen mit jemandem befreundet, den du gerade kennenlernst.

Und Instagram sorgt freundlicherweise dafür, dass wir auch nach einem Kontaktabbruch weiterhin wissen können, was der andere am Samstagabend gegessen hat.

Falls wir das unbedingt wissen möchten.

Was wir selbstverständlich nicht möchten.

Wir haben nur zufällig geguckt.

Viermal.

Und dann reden wir über Sex

Denn wir können keinen ehrlichen Text über schwules Dating schreiben und so tun, als würden wir uns alle erst einmal drei Wochen bei Kerzenschein über unsere Lieblingsbücher unterhalten.

Sex kann früh passieren.

Manchmal sehr früh.

Manchmal lautet das erste Date praktisch:

„Kommst du vorbei?“

Und weißt du was?

Völlig okay.

Sex muss nicht erst durch irgendeine romantische Qualitätskontrolle, bevor er erlaubt ist.

Zwei erwachsene Menschen wollen miteinander schlafen?

Have fun.

Interessant wird es erst danach.

Denn manchmal wollten beide nur Sex.

Und dann bleibt einer plötzlich länger.

Man redet.

Man lacht.

Vielleicht schläft man nebeneinander ein.

Und am nächsten Morgen passiert etwas wirklich Gefährliches:

Frühstück.

Jetzt wird es ernst.

Denn Körper und Gefühle haben leider keine gemeinsame Personalabteilung.

Sie stimmen sich vorher nicht ab.

Manchmal bleibt Sex Sex.

Manchmal entsteht Nähe.

Und manchmal merkt einer von beiden schneller als der andere, dass sich etwas verändert hat.

Das Problem ist nicht, dass das passiert.

Das Problem beginnt meistens dort, wo niemand darüber spricht.

Wir sind wahnsinnig gut darin, cool zu sein

Bloß nicht zu interessiert wirken.

Nicht sofort antworten.

Nicht zuerst schreiben.

Nicht fragen, was das eigentlich zwischen uns ist.

Nicht zeigen, dass man jemanden vermisst.

Und um Gottes willen niemals eine Nachricht mit zwei Herzen schicken, bevor die emotionale Lage eindeutig geklärt wurde.

Sonst:

BEDÜRFTIG.

Ich frage mich manchmal, wann Interesse eigentlich peinlich geworden ist.

Warum ist:

„Hey, ich mag dich und würde dich gerne wiedersehen.“

so viel schwieriger als:

„Jo, können ja mal schauen.“

Vielleicht weil Gleichgültigkeit schützt.

Wenn mir etwas egal ist, kann ich nicht enttäuscht werden.

Wenn ich jemanden wirklich mag, sieht die Sache anders aus.

Dann bekommt dieser Mensch plötzlich Macht.

Nicht im dramatischen Sinne.

Sondern einfach die Macht, dass mir seine Antwort etwas bedeutet.

Und vielleicht liegt genau darunter viel von unserem Datingchaos.

Wir wollen Nähe.

Aber wir möchten bitte vorher schriftlich bestätigt bekommen, dass sie nicht wehtun wird.

Spoiler:

Diese Garantie gibt es nicht.

Vielleicht ist „Mal schauen“ manchmal einfach Angst in hübsch

Nicht immer.

Manchmal weiß man wirklich nicht, was man möchte.

Manchmal möchte man Sex.

Manchmal etwas Lockeres.

Manchmal eine offene Beziehung.

Manchmal Monogamie.

Manchmal gar keine Beziehung.

All das ist legitim.

Das Schöne an queeren Beziehungen ist doch gerade, dass wir nicht automatisch das klassische Drehbuch übernehmen müssen.

Wir dürfen selbst entscheiden, wie Nähe für uns aussieht.

Aber dafür müssten wir eben entscheiden.

Oder zumindest miteinander reden.

Denn schwierig wird es, wenn jemand sagt:

„Ich will nichts Festes.“

aber gleichzeitig Nähe, Exklusivität, emotionale Verfügbarkeit und Sonntagmorgenfrühstück erwartet.

Dann möchte man vielleicht keine Beziehung.

Nur sämtliche Bestandteile davon.

Ohne das böse R-Wort.

Auch ein Konzept.

Und dann gibt es diesen verdammten „Typ“

„Nicht mein Typ.“

Ein Satz, den wahrscheinlich jeder schon gesagt hat.

Ich auch.

Und natürlich gibt es Attraktion.

Aber je älter ich werde, desto interessanter finde ich die Frage:

Wie viel von meinem Typ habe eigentlich ich ausgesucht?

Und wie viel wurde mir beigebracht?

Durch Instagram.

Dating-Apps.

Pornografie.

Fitnesskultur.

Unsere Bubble.

Welche Körper gelten als begehrenswert?

Welches Alter?

Wie maskulin soll ein Mann sein?

Wie trainiert?

Wie behaart?

Wie groß?

Wir müssen niemanden attraktiv finden, nur weil es gesellschaftlich besonders progressiv wäre.

Aber vielleicht lohnt sich manchmal ein zweiter Blick auf unsere eigenen Filter.

Denn ein Mensch kann auf einem Profil ziemlich durchschnittlich wirken.

Und dann sitzt er vor dir.

Er lacht.

Er erzählt irgendeinen völligen Blödsinn.

Du lachst mit.

Und plötzlich passiert etwas, das der Algorithmus leider nicht berechnen konnte:

Du magst ihn.

Scheiße.

Vielleicht ist das überhaupt der Punkt

Dating ist kein Auswahlverfahren.

Zumindest sollte es keines sein.

Es geht nicht darum, den objektiv besten Menschen aus dem verfügbaren Angebot herauszufiltern.

Den gibt es sowieso nicht.

Es geht darum herauszufinden:

Wie bin ich, wenn ich mit diesem Menschen zusammen bin?

Bin ich entspannt?

Kann ich albern sein?

Kann ich sagen, wenn mich etwas stört?

Fühle ich mich begehrt?

Fühle ich mich gesehen?

Muss ich performen?

Oder darf ich einfach da sein?

Das sind ziemlich unspektakuläre Fragen.

Auf Datingprofilen machen sie sich beschissen.

Aber vielleicht sagen sie mehr über Verbindung aus als Bauchmuskeln, Bartlänge und Entfernung.

Und vielleicht müssen wir wieder ein bisschen mutiger daten

Nicht schneller.

Nicht zwangsläufig ernster.

Ehrlicher.

Wenn du nur Sex möchtest: sag es.

Wenn du eine Beziehung möchtest: sag es.

Wenn du gerade wirklich keine Ahnung hast: Auch das kann man sagen.

Und wenn du jemanden magst?

Vielleicht sagst du sogar das.

Wildes Konzept, ich weiß.

Denn am Ende ist Dating immer ein Risiko.

Du kannst alles richtig machen und trotzdem passt es nicht.

Du kannst dich öffnen und einen Korb bekommen.

Du kannst dich verlieben und feststellen, dass der andere nicht dasselbe fühlt.

Du kannst jemanden kennenlernen, von dem du dachtest, dass er perfekt passt – und nach drei Dates feststellen:

Bitte nie wieder.

Und du kannst jemanden treffen, den du eigentlich gar nicht gesucht hast.

Und plötzlich verändert sich etwas.

Vielleicht müssen wir nicht lernen, Dating so zu optimieren, dass wir niemals enttäuscht werden.

Vielleicht müssen wir lernen, dass wir eine Enttäuschung überleben.

Denn die Alternative wäre, niemanden wirklich an uns heranzulassen.

Und dafür wäre mir mein Leben dann doch ein bisschen zu schade.

Also swipe.

Flirte.

Hab Sex, wenn du Sex haben möchtest.

Such Liebe, wenn du Liebe möchtest.

Hab keine Ahnung, wenn du keine Ahnung hast.

Aber vielleicht sollten wir eines nicht vergessen:

Hinter jedem Profil steckt ein Mensch, der wahrscheinlich genauso wenig weiß, was er da eigentlich tut, wie wir selbst.

Und wenn du jemanden wirklich magst:

Schreib ihm.

Wirklich.

Diese Drei-Stunden-Regel, um nicht zu interessiert zu wirken?

Wir sind erwachsene Männer. Wir haben Termine. Dafür habe ich keine Zeit.

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