Ich werde 40.
So.
Jetzt steht es da.
VIERZIG.
Ein Alter, das ich mit Anfang 20 ungefähr in derselben Kategorie verortet habe wie „kurz vor Rente“ und „besitzt wahrscheinlich einen sehr guten Akkuschrauber“.
Und jetzt bin ich selbst fast da.
Das Verrückte daran?
Ich fühle mich überhaupt nicht so, wie ich dachte, dass man sich mit 40 fühlen würde.
Ich fühle mich nicht fertig.
Nicht angekommen.
Nicht besonders weise.
Ich weiß noch immer nicht bei jeder Gelegenheit, was ich eigentlich tue.
Aber inzwischen kann ich zumindest überzeugender so tun.
Fortschritt.
Und gerade passiert etwas mit mir, das man von außen vielleicht ziemlich einfach diagnostizieren könnte:
Midlife-Crisis.
Ich denke über mein Leben nach.
Über meinen Beruf.
Darüber, wo ich leben möchte.
Darüber, was ich noch ausprobieren will.
Ich starte Projekte.
Ich mache einen Podcast.
Ich schreibe einen Blog.
Ich engagiere mich.
Ich habe plötzlich wieder Ideen davon, was alles noch kommen könnte.
Und manchmal denke ich:
Tim, beruhig dich. Du wirst 40 und nicht 19.
Aber warum eigentlich?
Das finde ich wirklich interessant.
Mit 20 darfst du suchen.
Mit 25 darfst du dich ausprobieren.
Mit 30 darfst du vielleicht noch einmal alles infrage stellen.
Und irgendwann danach scheint gesellschaftlich die große Deadline zu kommen:
So. Jetzt bitte Persönlichkeit abschließen und speichern.
Beruf.
Wohnort.
Beziehung.
Freundeskreis.
Lebensentwurf.
Danke.
Ab jetzt nur noch kleinere Updates.
Aber was ist, wenn ich mit 40 feststelle, dass ich manche Dinge anders möchte?
Was, wenn ich noch einmal irgendwo neu anfangen will?
Was, wenn ich beruflich plötzlich über Möglichkeiten nachdenke, die überhaupt nicht in meinen bisherigen Lebenslauf passen?
Was, wenn ich ein Projekt starte, obwohl mir niemand garantieren kann, dass daraus jemals etwas Großes wird?
Was, wenn ich einfach neugierig bin?
Ist das wirklich eine Krise?
Oder ist das vielleicht einfach Leben?
Dieser Gedanke beschäftigt mich.
Denn natürlich kenne ich dieses Gefühl:
Dafür bist du doch eigentlich zu alt.
Ich sehe jüngere Menschen und denke manchmal, wie viel Zeit vor ihnen liegt.
Was sie noch ausprobieren können.
Welche Fehler sie noch machen dürfen.
Und dann passiert etwas Spannendes.
Ich denke an mich mit 20.
Und ganz ehrlich?
Ich möchte nicht zurück.
Keinen einzigen Tag.
Nicht weil damals alles schlecht war.
Sondern weil ich heute Dinge über mich weiß, die ich damals nicht wissen konnte.
Ich kenne mich besser.
Ich kenne meine Grenzen besser.
Ich weiß besser, welche Menschen mir guttun.
Ich weiß inzwischen zumindest ungefähr, was ich nicht mehr möchte.
Und ich habe deutlich weniger Lust, mein Leben danach auszurichten, was andere für vernünftig halten.
Vielleicht habe ich heute nicht mehr die komplette Zeit der Welt.
Aber dafür habe ich etwas anderes:
mehr von mir selbst.
Ich glaube nämlich, dass Alter und Queerness eine interessante Mischung sind.
Viele queere Menschen haben Teile ihrer Jugend damit verbracht, herauszufinden, wer sie überhaupt sein dürfen.
Während andere ihre ersten Beziehungen hatten, haben manche von uns vielleicht erst einmal versucht herauszufinden, warum sie anders fühlen.
Während andere ausprobiert haben, wer sie sind, haben manche gelernt, welche Teile von sich sie besser nicht überall zeigen.
Natürlich gibt es nicht die eine queere Biografie.
Aber dieses Gefühl von:
„Ich hole gerade etwas nach“
kennen wahrscheinlich einige.
Und vielleicht müssen wir deshalb aufhören, unser Leben ständig mit einer heteronormativen Zeitleiste zu vergleichen.
Mit 25 dies.
Mit 30 das.
Mit 35 angekommen.
Mit 40 bitte vernünftig.
Sorry.
Ich glaube, ich habe den Termin verpasst.
Und vielleicht ist genau das gerade die größte Veränderung.
Ich habe Bock.
Bock, Dinge auszuprobieren.
Bock, etwas aufzubauen.
Bock, kreativ zu sein.
Bock, mich einzumischen.
Bock, neue Menschen kennenzulernen.
Bock, Pläne zu machen.
Bock, manche Pläne wieder komplett über den Haufen zu werfen.
Und ja:
Manchmal macht mir genau das Angst.
Denn sobald du wieder etwas willst, kannst du auch wieder scheitern.
Wenn du einen Podcast machst, können Menschen ihn scheiße finden.
Wenn du schreibst, können Menschen deine Texte nicht lesen.
Wenn du beruflich etwas veränderst, kannst du feststellen, dass die alte Situation doch sicherer war.
Wenn du dich verliebst, kannst du verletzt werden.
Wenn du irgendwo neu anfängst, kannst du dich fragen, ob es ein Fehler war.
Das Leben ist deutlich ungefährlicher, wenn man nichts mehr will.
Aber wahrscheinlich auch verdammt langweilig.
Das meine ich gar nicht negativ.
Sicherheit ist schön.
Ein Job, den man kennt.
Ein Alltag, der funktioniert.
Menschen, die bleiben.
Eine Wohnung, in der man weiß, welcher Lichtschalter was macht.
Ich mag Sicherheit.
Sehr sogar.
Aber manchmal frage ich mich:
Wann wird aus Sicherheit eigentlich Stillstand?
Nicht objektiv.
Sondern für mich.
Wann bleibe ich irgendwo, weil ich es wirklich möchte?
Und wann bleibe ich, weil Veränderung anstrengend wäre?
Das sind unangenehme Fragen.
Denn plötzlich kann man nicht mehr einfach sagen:
„Eigentlich läuft doch alles.“
Vielleicht läuft alles.
Aber vielleicht möchte ich trotzdem mehr.
Nicht mehr Geld.
Nicht mehr Status.
Nicht mehr Dinge.
Mehr Leben.
Das ist vielleicht wichtig.
„Bock aufs Leben“ bedeutet nicht automatisch, morgen den Job zu kündigen, die Wohnung aufzugeben, einen Camper zu kaufen und auf Bali meine Chakren zu sortieren.
Bitte nicht.
Ich besitze nicht einmal die passende Leinenhose dafür.
Vielleicht bedeutet Veränderung viel kleinere Dinge.
Ein Projekt anfangen.
Eine Idee ernst nehmen.
Eine Reise machen.
Einen Menschen ansprechen.
Nein sagen.
Ja sagen.
Etwas veröffentlichen, obwohl man Angst hat, dass es niemanden interessiert.
Sich für einen anderen Weg interessieren, obwohl man ihn am Ende vielleicht gar nicht geht.
Oder einfach zu akzeptieren:
Ich darf mich verändern, obwohl mein bisheriges Leben nicht falsch war.
Den Satz finde ich wichtig.
Denn wir behandeln Veränderung manchmal so, als wäre sie automatisch eine Kritik an allem, was davor war.
Ist sie nicht.
Ich kann dankbar für mein bisheriges Leben sein und trotzdem neugierig auf das nächste Kapitel.
Und das gefällt mir als Erklärung wesentlich besser als Midlife-Crisis.
Ich renne nicht vor meinem Alter weg.
Ich möchte auch nicht wieder 20 sein.
Um Gottes willen.
Ich müsste wieder lernen, wie man drei Nächte hintereinander feiern geht.
Mein Rücken würde Anzeige erstatten.
Nein.
Ich möchte 40 sein.
Nur eben nicht in dieser Vorstellung davon, dass mit 40 langsam alles feststehen muss.
Ich möchte weiterhin Dinge zum ersten Mal machen.
Mich blamieren.
Mich umentscheiden.
Menschen überraschen.
Mich selbst überraschen.
Vielleicht irgendwann feststellen:
Okay, das war eine wirklich beschissene Idee.
Auch gut.
Dann war es wenigstens meine.
Vielleicht ist das eigentlich alles.
Ich bin noch nicht fertig.
Und früher hätte mir dieser Satz Angst gemacht.
Heute finde ich ihn wunderschön.
Ich muss noch nicht wissen, wie mein Leben mit 45 aussieht.
Oder mit 50.
Ich muss nicht heute entscheiden, welche Version von mir für die nächsten Jahrzehnte gültig bleibt.
Vielleicht werde ich Dinge wollen, von denen ich heute noch keine Ahnung habe.
Vielleicht werde ich Projekte beenden.
Neue anfangen.
Menschen verlieren.
Menschen finden.
Vielleicht werde ich irgendwo leben, wo ich heute noch nicht wohne.
Vielleicht mache ich beruflich irgendwann etwas, über das ich heute selbst noch lachen würde.
Keine Ahnung.
Und genau das ist doch irgendwie geil.
Also nein.
Vielleicht habe ich gar keine Midlife-Crisis.
Vielleicht passiert gerade etwas ganz anderes.
Vielleicht schaue ich nicht panisch zurück und frage mich, wo die Zeit geblieben ist.
Vielleicht schaue ich nach vorne und merke:
Da ist noch verdammt viel Leben übrig.
Und ich habe wieder richtig Bock drauf.
Mit fast 40.
Vielleicht sogar gerade deswegen.

Als ich 40 wurde, kam die Frage: wie alt denkst du wirst du werden oder magst du werden? Meine Antwort war dann nach kurzem Überlegen: lass heute Halbzeit sein.
Nächstes Jahr ist die erste Hälfte der zweiten Halbzeit um, dann steht bei mir eine 60. Und im Moment weiß ich nicht, ob ich bis 80 schaffe oder noch schaffen mag. Und das ist weniger Herbstdepression als eine Frage der Gesundheit. Und bei dem, was aktuell so abgeht, ist auch alles auf meiner Löffelchenliste unwahrscheinlicher geworden. Ich fühle mich ausgebremst.
Und damit Danke für Deine Gedanken!
Ich kann dich total gut verstehen. Danke für deinen Kommentar.
Als ich 18 wurde hab ich geträumt und mir Dinge vorgestellt, mit 30 bekam ich die erste kurze Krise und jetzt denk ich… Nix erreicht. Das stimmt – das weiß ich, aber manchmal fühlt es sich so an. Und naja- viele Dinge, die ich unbedingt wollte gehen jetzt nicht mehr. Jedenfalls nicht ohne kompletten Re-Start. Und den fühle ich in der Form gerade nicht. Macht mich aber dennoch oft traurig