Deep Dive zu Folge 4 von „Ungefiltert Queer – Zwischen Pride & Chaos“
Ich mag Kontrolle.
So. Jetzt ist es raus.
Ich mag es, wenn ich weiß, was passiert. Wenn ich einen Plan habe. Wenn ich ungefähr einschätzen kann, wo eine Sache hinführt. Wenn Menschen sagen, was sie meinen. Wenn Erwartungen klar sind. Wenn ich weiß, woran ich bin.
Eigentlich ziemlich vernünftig.
Das Problem beginnt nur dort, wo aus „Ich hätte gerne ein bisschen Sicherheit“ irgendwann „Ich möchte bitte das Leben einmal vollständig durchplanen“ wird.
Mit Ergebnisgarantie, selbstverständlich.
Und genau darüber habe ich in der aktuellen Podcastfolge gesprochen.
Aber nach der Aufnahme ist bei mir ein Gedanke hängen geblieben:
Vielleicht versuchen wir manchmal gar nicht, unser Leben zu kontrollieren. Vielleicht versuchen wir nur verzweifelt zu verhindern, dass es uns verletzt.
Und plötzlich wird das Thema ziemlich persönlich.
Ich glaube, deshalb ist sie so verführerisch.
Wenn ich plane, kann ich mich vorbereiten.
Wenn ich Situationen vorher im Kopf durchspiele, kann mich nichts überraschen.
Wenn ich jede mögliche Reaktion eines Menschen analysiere, weiß ich vielleicht schon vorher, was passieren wird.
Theoretisch.
Praktisch habe ich dann ungefähr 47 Szenarien durchgespielt und die andere Person antwortet:
„Okay “
Großartig.
Danke für nichts, Gehirn.
Aber genau das ist der Punkt.
Wir versuchen, Unsicherheit durch Denken zu beseitigen.
Noch einmal analysieren.
Noch einmal die Nachricht lesen.
Noch einmal überlegen, warum jemand etwas genau SO formuliert hat.
Noch einmal kontrollieren, ob alles wirklich okay ist.
Und irgendwann kontrollieren wir nicht mehr die Situation.
Die Situation kontrolliert uns.
Denn wenn du queer aufwächst, lernst du möglicherweise ziemlich früh, Situationen zu lesen.
Kann ich hier Händchen halten?
Kann ich erzählen, dass ich einen Freund habe?
Wie reagiert mein Gegenüber?
Wie wirke ich?
Bin ich gerade „zu schwul“?
Bin ich nicht schwul genug?
Kann ich hier einfach ich sein oder sollte ich lieber erst einmal schauen, wie der Raum so tickt?
Natürlich erlebt das nicht jeder queere Mensch gleich.
Aber ich glaube, viele von uns kennen zumindest Teile davon.
Dieses kurze Scannen.
Bin ich hier sicher?
Und das ist etwas anderes als der übliche Kontrollfimmel darüber, ob der Geschirrspüler wirklich ausgeschaltet ist.
Es ist eine Strategie.
Man beobachtet.
Man passt sich vielleicht an.
Man entscheidet, wie viel man von sich zeigt.
Und irgendwann sitzt dieses Verhalten ziemlich tief.
Das Verrückte ist:
Vielleicht brauchen wir es später gar nicht mehr in jeder Situation.
Aber unser Kopf hat die Gebrauchsanweisung offenbar nicht aktualisiert.
Und dann gibt es da noch einen Bereich, in dem unsere queere Bubble manchmal wirklich Weltmeister ist:
den Körper.
Trainieren.
Essen.
Haare.
Bart.
Klamotten.
Alter.
Gewicht.
Muskeln.
Haut.
Fotos.
Winkel.
Licht.
Filter.
Und natürlich dieser eine Spiegel im Fitnessstudio, der entweder dein bester Freund oder ein Arschloch ist. Dazwischen gibt es nichts.
Wir können unglaublich viel kontrollieren.
Oder zumindest glauben, dass wir es können.
Denn hinter diesem ganzen Optimieren steckt manchmal eine ziemlich unangenehme Frage:
Was passiert, wenn ich einfach nicht genüge?
Wenn mein Körper nicht so aussieht?
Wenn ich älter werde?
Wenn ich nicht mehr in irgendein Ideal passe?
Wenn jemand anderes attraktiver, jünger, trainierter oder einfach gerade interessanter ist?
Kontrolle gibt uns darauf eine scheinbar einfache Antwort:
Dann streng dich mehr an.
Noch ein bisschen.
Noch besser.
Noch perfekter.
Nur leider gibt es bei diesem Spiel keinen Endgegner.
Du kannst es nicht gewinnen.
Weil irgendwo immer jemand existiert, der irgendetwas vermeintlich besser kann.
Denn Menschen halten sich einfach nicht an unsere Drehbücher.
Unverschämt, eigentlich.
Du kannst liebevoll sein.
Du kannst aufmerksam sein.
Du kannst kommunizieren.
Du kannst dein Bestes geben.
Und trotzdem kannst du nicht kontrollieren, was ein anderer Mensch fühlt.
Das ist für jemanden, der Sicherheit liebt, eine mittelschwere Katastrophe.
Denn Liebe bedeutet immer auch:
Ich gebe einem Menschen die Möglichkeit, mich zu verletzen.
Romantisch.
Wer hat sich diesen Mist eigentlich ausgedacht?
Aber genau da liegt der Unterschied zwischen Kontrolle und Vertrauen.
Vertrauen bedeutet nicht:
„Ich weiß, dass niemals etwas passieren wird.“
Vertrauen bedeutet eher:
„Ich weiß es nicht. Und ich entscheide mich trotzdem dafür, mich darauf einzulassen.“
Das klingt wunderschön.
In der Realität bedeutet es manchmal aber auch, nachts im Bett zu liegen und seinem Gehirn zu erklären, dass eine Antwortzeit von 38 Minuten vermutlich noch kein Beweis für das Ende der Beziehung ist.
Das beschäftigt mich besonders.
Denn ich kann sehr viel denken.
Sehr.
Viel.
Denken.
Und natürlich verkauft mein Gehirn mir das gerne als hochkomplexe Analyse.
Ich analysiere schließlich nur die Situation.
Ich bin reflektiert!
Ich möchte Dinge verstehen!
Ja.
Oder ich versuche zum siebten Mal, durch Nachdenken ein Ergebnis zu verändern, auf das ich überhaupt keinen Einfluss habe.
Auch möglich.
Overthinking gibt einem das Gefühl, etwas zu tun.
Dabei sitzt man eigentlich nur da und produziert alternative Realitäten.
Was wäre, wenn?
Warum hat er das gesagt?
Was bedeutet das?
Was, wenn ich falsch liege?
Was, wenn etwas passiert?
Was, wenn ich jetzt schon etwas tun könnte, damit später nichts passiert?
Und irgendwann hat man sämtliche Katastrophen erlebt.
Nur eben keine davon tatsächlich.
Ich hasse diesen Ratschlag ein bisschen:
„Du musst einfach loslassen.“
Ach so.
Danke.
Problem gelöst.
Warum bin ich da nicht selbst drauf gekommen?
Loslassen ist kein Schalter.
Gerade wenn Kontrolle einem lange Sicherheit gegeben hat, kann man sie nicht einfach ausschalten.
Vielleicht geht es auch gar nicht darum.
Vielleicht geht es zuerst darum, zu erkennen:
Was kann ich tatsächlich beeinflussen – und was versuche ich gerade nur verzweifelt zu kontrollieren?
Ich kann beeinflussen, wie ich mit Menschen umgehe.
Ich kann sagen, was ich brauche.
Ich kann Grenzen setzen.
Ich kann Entscheidungen treffen.
Ich kann mich entschuldigen.
Ich kann gehen.
Ich kann bleiben.
Ich kann versuchen, gut mit mir selbst umzugehen.
Was ich nicht kontrollieren kann?
Ob mich jeder mag.
Was andere über mich denken.
Ob eine Beziehung für immer hält.
Ob mein Körper sich verändert.
Ob ich Fehler mache.
Ob Menschen mich enttäuschen.
Ob mein Leben exakt so läuft, wie ich es gerade geplant habe.
Und verdammt, ich hätte für die zweite Liste wirklich gerne ein Update.
Gibt es aber nicht.
Vielleicht brauche ich mehr Vertrauen.
Nicht dieses kitschige:
„Das Universum wird schon alles regeln.“
Das Universum hat genug zu tun.
Sondern Vertrauen in mich selbst.
Dass ich mit Dingen klarkommen werde, auch wenn sie anders laufen.
Dass eine Enttäuschung mich nicht zerstört.
Dass ich nicht jede Antwort vorher kennen muss.
Dass Menschen gehen können und trotzdem etwas Wertvolles hinterlassen.
Dass Pläne scheitern können, ohne dass ich gescheitert bin.
Und vielleicht sogar:
Dass etwas richtig schön werden kann, obwohl ich es vorher nicht geplant habe.
Das fällt mir schwer.
Denn Kontrolle sagt:
„Wenn du alles richtig machst, passiert dir nichts.“
Das Leben antwortet:
„Süß.“
Und vielleicht ist das gar keine schlechte Nachricht.
Ich kann planen.
Ich kann nachdenken.
Ich kann versuchen, gute Entscheidungen zu treffen.
Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem ich aufhören muss, das Ende einer Geschichte kontrollieren zu wollen, die gerade erst geschrieben wird.
Bei Beziehungen.
Bei Freundschaften.
Bei Projekten.
Bei meinem Körper.
Bei meinem Leben.
Vielleicht sogar bei mir selbst.
Ich werde wahrscheinlich trotzdem weiterhin Nachrichten zweimal lesen.
Vielleicht auch dreimal.
Ich werde Dinge zerdenken.
Ich werde Pläne machen.
Und wahrscheinlich werde ich mich weiterhin gelegentlich dabei erwischen, wie ich versuche, eine Zukunft zu kontrollieren, die noch gar nicht existiert.
Aber vielleicht merke ich es inzwischen ein bisschen früher.
Und dann kann ich mir sagen:
Tim, du musst gerade nicht wissen, wie das ausgeht.
Du darfst einfach schauen, was passiert.
Furchtbar.
Aber ich arbeite dran.
Im Podcast geht es noch persönlicher um Kontrolle, Loslassen und die Frage, warum wir manchmal so verzweifelt versuchen, Sicherheit herzustellen.
Und falls du dich gerade selbst dabei ertappt hast, dein halbes Leben im Kopf vorauszuplanen:
Willkommen im Club.
Wir haben keinen Plan.
Aber selbstverständlich eine Excel-Tabelle dafür.
