Mit 18 sollst du wissen, was du später einmal werden möchtest.
Mit 25 sollst du deinen Weg gefunden haben.
Mit 30 wäre eine stabile Beziehung natürlich auch ganz nett.
Und irgendwann sollte dann bitte auch noch Karriere, finanzielle Sicherheit, Selbstverwirklichung, eine ordentliche Wohnung und – wenn möglich – emotionale Stabilität dazukommen.
Ach ja: Glücklich sollst du natürlich auch sein.
Ganz entspannt.
Ich frage mich manchmal wirklich, woher diese unsichtbare Checkliste kommt.
Denn irgendwie scheint es für das Leben einen Plan zu geben, an dem wir uns alle orientieren sollen. Einen Plan mit bestimmten Zeitpunkten, bestimmten Zielen und bestimmten Vorstellungen davon, wann ein Mensch „angekommen“ ist.
Und wenn wir diese Ziele nicht erreichen?
Dann fangen wir an, uns zu fragen, ob wir etwas falsch gemacht haben.
Sind wir zu spät?
Nicht erfolgreich genug?
Nicht attraktiv genug?
Nicht erwachsen genug?
Oder ganz grundsätzlich: nicht genug?
Dabei wird eine entscheidende Frage oft vergessen:
Sind das überhaupt unsere Erwartungen?
Erwartungen begegnen uns überall.
In der Familie.
Im Freundeskreis.
Im Beruf.
In Beziehungen.
Auf Social Media.
Manchmal sind sie laut ausgesprochen. Viel häufiger sind sie leise.
„Und, gibt es jemanden?“
„Willst du nicht irgendwann heiraten?“
„Was möchtest du beruflich noch erreichen?“
„Wann ziehst du endlich in eine größere Wohnung?“
„Du bist doch jetzt in dem Alter …“
Schon erstaunlich, wie viele Menschen offenbar einen detaillierten Lebensplan für uns erstellt haben.
Manchmal beginnt der Druck mit einer Frage, die eigentlich harmlos gemeint ist. Doch hinter dieser Frage steckt häufig eine Vorstellung davon, wie unser Leben aussehen sollte.
Und je weiter wir uns davon entfernen, desto größer wird manchmal das Gefühl, hinterherzuhinken.
Als queerer Mensch kommt häufig eine weitere Ebene hinzu.
Denn auch innerhalb unserer Community gibt es – ganz offen oder ganz subtil – Vorstellungen davon, wie ein queeres Leben aussehen sollte.
Du solltest offen und selbstbewusst leben.
Du solltest sichtbar sein.
Du solltest deinen Körper lieben.
Du solltest politisch sein.
Du solltest auf CSDs gehen.
Du solltest eine Meinung haben.
Du solltest wissen, wer du bist.
Und idealerweise solltest du dabei noch verdammt gut aussehen.
Irgendwann stellt sich dann vielleicht die Frage:
Bin ich eigentlich queer genug?
Bin ich queer genug, wenn ich nicht jedes Wochenende feiern gehe?
Bin ich queer genug, wenn ich nicht auf jedem CSD bin?
Bin ich queer genug, wenn ich nicht laut bin?
Bin ich queer genug, wenn ich bestimmte Dinge in der Community kritisch sehe?
Oder wenn ich einfach manchmal nur zu Hause auf dem Sofa sitzen möchte?
Die Antwort sollte eigentlich selbstverständlich sein:
Ja.
Queerness ist kein Wettbewerb.
Es gibt keine Punkte für das richtige Outfit.
Keine Medaille für die meisten CSDs.
Und auch keine Jury, die am Ende entscheidet, ob du queer genug bist.
Zumindest hoffe ich sehr, dass niemand diese Jury gründet.
Denn dann würde es vermutlich drei Monate dauern, bis wir uns auf die Tagesordnung einigen.
Ich liebe Pride.
Ich liebe CSDs.
Ich liebe die Energie, die Menschen und dieses besondere Gefühl, wenn queere Sichtbarkeit plötzlich ganze Städte verändert.
Aber ich kenne auch die andere Seite.
Die Seite nach dem CSD.
Wenn die Fotos gemacht sind, die Glitzerreste überall liegen und man sich fragt, ob man jemals wieder ohne Muskelkater existieren wird.
Und ganz ehrlich?
Auch das ist queeres Leben.
Queer sein bedeutet nicht, immer unterwegs zu sein.
Es bedeutet nicht, immer laut zu sein.
Und es bedeutet auch nicht, jede Form von Sichtbarkeit gleich leben zu müssen.
Manchmal ist Pride.
Manchmal ist Chaos.
Und manchmal ist es einfach eine Jogginghose, eine Serie und die Frage, ob man wirklich noch einmal Essen bestellen sollte.
Die Antwort lautet übrigens:
Wahrscheinlich ja.
Mit Anfang 20 hatte ich eine ziemlich konkrete Vorstellung davon, wie mein Leben später aussehen würde.
Irgendwann würde ich alles im Griff haben.
Ich würde organisiert sein.
Finanziell vernünftig.
Mein Kleiderschrank wäre ordentlich.
Mein Kühlschrank wäre voller gesunder Lebensmittel.
Ich würde meine Steuererklärung sofort erledigen.
Und ich hätte selbstverständlich nie wieder das Problem, mein Handy zu suchen, während ich es in der Hand halte.
Heute weiß ich:
Dieser Mensch existiert nicht.
Zumindest nicht bei mir.
Und wahrscheinlich auch nicht bei vielen anderen.
Denn das große Geheimnis des Erwachsenseins ist vielleicht, dass niemand wirklich genau weiß, was er tut.
Manche Menschen sind einfach besser darin, dabei organisiert auszusehen.
Das Schwierigste ist vielleicht nicht einmal die Erwartung anderer Menschen.
Sondern die Erwartungen, die wir selbst an uns stellen.
Ich sollte erfolgreicher sein.
Ich sollte mehr Sport machen.
Ich sollte mein Leben besser organisieren.
Ich sollte mutiger sein.
Ich sollte weiter sein.
Dieses Wort: sollte.
Es klingt so klein und kann gleichzeitig unglaublich viel Druck erzeugen.
Vielleicht lohnt es sich deshalb, das Wort öfter auszutauschen.
Nicht:
„Ich sollte mehr Sport machen.“
Sondern:
„Ich würde mich gerne mehr bewegen.“
Nicht:
„Ich sollte erfolgreicher sein.“
Sondern:
„Ich möchte herausfinden, was Erfolg für mich überhaupt bedeutet.“
Das klingt zunächst nach einer Kleinigkeit.
Aber aus einer Verpflichtung kann plötzlich ein Wunsch werden.
Und aus einem fremden Maßstab vielleicht endlich ein eigener.
Wir vergleichen unser Leben gerne mit einem unsichtbaren Zeitplan.
Mit anderen Menschen.
Mit Social Media.
Mit dem, was wir für normal halten.
Aber vielleicht gibt es dieses „zu spät“ gar nicht.
Vielleicht hat jemand mit 25 sein Leben gefunden und verändert mit 40 trotzdem alles.
Vielleicht ist jemand mit 50 Single und glücklich.
Vielleicht findet jemand seine große Liebe erst spät.
Vielleicht macht jemand mit 45 noch einmal eine Ausbildung.
Vielleicht weiß jemand mit 70 immer noch nicht genau, was er eigentlich werden möchte.
Und vielleicht ist genau das vollkommen in Ordnung.
Es gibt keine einheitliche Reihenfolge für ein gelungenes Leben.
Es gibt keinen perfekten Zeitpunkt für Glück.
Und wir sind nicht gescheitert, nur weil unser Leben anders aussieht als das Leben anderer Menschen.
Wenn wir über Erwartungen sprechen, sollten wir uns vielleicht nicht ständig fragen:
„Wie kann ich alle Erwartungen erfüllen?“
Sondern:
„Welche Erwartungen möchte ich überhaupt erfüllen?“
Welche Ziele gehören wirklich zu mir?
Welche Wünsche habe ich tatsächlich?
Und welche Dinge tue ich nur, weil ich glaube, dass man sie eben so macht?
Vielleicht müssen wir nicht jede Checkliste abhaken.
Vielleicht dürfen wir Listen auch einfach zerknüllen und neu anfangen.
Das ist wahrscheinlich die schwierigste Frage von allen.
Wenn niemand zuschauen würde.
Wenn niemand urteilen würde.
Wenn es keine gesellschaftlichen Regeln gäbe.
Keine Kommentare.
Keine Likes.
Keine Vergleiche.
Wie würde dein Leben dann aussehen?
Vielleicht würdest du feststellen, dass du bereits genau da bist, wo du sein möchtest.
Vielleicht würdest du aber auch merken, dass einige deiner Ziele gar nicht wirklich deine sind.
Beides ist okay.
Wichtig ist nur, dass wir irgendwann anfangen, ehrlich zu uns selbst zu sein.
Denn am Ende ist es unser Leben.
Nicht das unserer Eltern.
Nicht das unserer Freund*innen.
Nicht das der Gesellschaft.
Und auch nicht das Leben der Menschen, die wir jeden Tag auf Instagram sehen.
Wir dürfen uns verändern.
Wir dürfen Pläne ändern.
Wir dürfen Umwege gehen.
Wir dürfen laut sein.
Wir dürfen leise sein.
Wir dürfen Pride lieben und trotzdem manchmal keine Lust auf Menschen haben.
Wir dürfen queer sein, ohne jeden Tag beweisen zu müssen, wie queer wir sind.
Und wir dürfen ein Leben führen, das nicht in die Erwartungen anderer Menschen passt.
Vielleicht ist genau das am Ende Freiheit.
Nicht alles zu erfüllen.
Sondern zu entscheiden, was uns überhaupt wichtig ist.
Denn vielleicht bist du nicht zu spät.
Vielleicht bist du nicht gescheitert.
Vielleicht bist du nicht weniger als die Menschen, mit denen du dich vergleichst.
Vielleicht ist dein Leben einfach dein eigenes.
Und das darf verdammt noch mal reichen.
Nehmt euch selbst ernst – nicht alles andere. 🌈
Die Podcastfolge „Erwartungen“ von Ungefiltert Queer – Zwischen Pride & Chaos ist überall erhältlich, wo ihr Podcasts hört.
